Begegnungszone

Heute Abend begegnete mir zum allererstenmal überhaupt in der Bergmannstraße eine Frau auf Skiern. Männer übrigens noch nie.

Nein, sie kam nicht den Hang des Berliner Urstromtals herunter. Es waren Langlaufski. Aber sie war auch keine Biathletin. Dafür fehlte nicht nur das Schießeisen, sondern auch das Tempo. Die Begegnung ereignete sich im Dunkeln und bei leichtem Schneetreiben im eher naturnahen Bereich der Bergmannstraße, an den Friedhöfen. Und ich war nüchtern.

Erwähnenswert finde ich das deshalb, weil es zeigt, was man mit einer Straße, wie der Bergmannstraße alles machen kann. Also warum nicht, wie vom Bezirksamt entworfen, einen Wasserlauf anlegen. Vielleicht begegnen einem dann im Sommer Surfer.

Blaulicht

Freitagabend. In der frühen Dunkelheit flitzt ein blinkendes Blaulicht durch die Zossener Straße. Der Notarztwagen stoppt vor der neuen Absperrung in der Bergmannstraße, wendet ruckzuck und nimmt die Riemann. Die Lücke für den Radverkehr ist fast drei Meter breit, er hätte hindurch gepasst, aber die sofortige, sichere Entscheidung hatte Priorität. Drei Kurven und keine Minute später ist er am Ärztehaus in der Bergmannstraße. Viel Zeit, wenn es vielleicht um ein Menschenleben geht.

Macht dieser Blog jetzt Stimmung gegen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen?

Bestimmt nicht. Die Erkenntnis ist: Verkehrsinfrastruktur zu planen und Verkehr zu regeln ist kein Kinderspiel. So vieles will sorgfältig bedacht und abgewogen sein. Trotzdem ist es richtig, dass alle, die wollen, mitreden dürfen. Am Ende unterschreiben Leute, die viel Verantwortung tragen.

Locktown?

Leise rieselt der Schnee. Nicht viel, aber leise. Die Touristenströme in der Bergmannstraße sind dermaßen abgeebbt, dass man glaubt, das Gras würde aus den Pflasterfugen wachsen, wenn nicht Januar wäre. Doch noch etwas fällt auf: Der motorisierte Verkehr verhält sich anders als gewohnt. Den Grund dafür findet man schnell an der Ecke zur Zossener: Zeichen 250, Verbot für Fahrzeuge aller Art, mit Zusatzschild Radfahrer frei.

Ansonsten keine Pressekonferenz, nicht mal eine Presseerklärung im Internet, keine Möchte-Gern-Politprominenz, die mit staatsmännischem Blick auf den bevorstehenden Wahlkampf das Schild enthüllt. Nichts. Kein Wunder, dass die Tagespresse sich nichts ahnend immer noch an der Frage abarbeitet, was wegen der Pandemie jetzt verboten und was erlaubt ist. Nur einige Kiezbewohner sitzen in der warmen Stube und grinsen in sich hinein.

Wer es nicht gesehen hat, mag denken: Träum weiter!

Foto: Michael Jahn

Wir brauchen nicht zu träumen. Dieses Schild ist ein Zeichen. Nein, nicht nur ein Verkehrszeichen. Was jetzt zwangsläufig beginnt hat einen Dominoeffekt, denn so kann das nicht bleiben. Beispielsweise stellt sich die Frage, warum sich die nicht nur von der Initiative Leiser Bergmannkiez geforderte Sperrung der Zossener Straße um einen Winkel von 90° nach Westen gedreht hat. Der Effekt ist ein völlig anderer.

Wir kennen die Hintergründe und wir kennen den Plan des Bezirksamts.

Wir bleiben dran.

Ist die Straße für Menschen, oder was?

Es dürfte schon rund zehn Jahre her sein. Wir hatten so viel Schnee, dass er selbst in der Innenstadt tagelang liegenblieb, als wäre das mit dem Klimawandel alles nur eine gewagte These. Die Winterdienste hatten klare Prioritäten gesetzt: die Fahrbahnen waren trotz allem gut geräumt und fast trocken. Dies ganz im Gegensatz zu den Gehwegen, die besonders da, wo der Schnee bereits festgetreten war, gefährlich rutschig waren. Ich lief durch eine Nebenstraße Berlins, in der kaum Verkehr aber reichlich Platz war. Konsequenter Weise nahm ich den Rand der Fahrbahn, neben den geparkten Autos.

Von hinten näherte sich ein Fahrzeug. Das prägnante Sounddesign des Auspuffs drang sofort in mein Bewusstsein. Es vermittelte mir eine klischeehafte Vorstellung von der Person am Steuer. Als er neben mir war, war das Fenster trotz der niedrigen Temperaturen heruntergelassen und aus dem Inneren hörte ich ein gereiztes Brüllen: „Ist die Straße für Menschen, oder was?“. Noch ehe ich ihm hierauf eine ehrliche und fachlich qualifizierte Antwort geben konnte, war er vorbei. Seine Frage habe ich mir gemerkt.

Ja, die Straße ist für Menschen. Dabei darf sie selbst in der Stadt auch von Menschen mit Fahrzeugen benutzt werden, zum Beispiel mit Fahrrädern, jedenfalls solange diese zwischen den Bordsteinen auf der Fahrbahn bleiben. Die restliche Straße ist für alle anderen Menschen, wobei Kinderwagen und Rollstühle hier nicht als Fahzeuge gelten. Es gibt viele Ausnahmen bei dieser Raumaufteilung. Kein noch so fanatischer Automobilist würde beispielsweise über die Beifahrerseite ein- und aussteigen, um nicht die Fahrbahn betreten zu müssen.

Die heutige Welt ist selbst für Berliner mit hohem Bildungsniveau, nicht einfach zu verstehen. Das merkt man im Straßenverkehr: Urbaner Dichtestress, Flächenkonkurrenz, aggressives Anspruchsdenken, verbissene Rechthaberei. Mit dem Kampf um Ressourcen fängt bekanntermaßen vieles an.

Dieser Blog ist auch für Menschen. Er soll unterhalten, zum gemeinsamen Nachdenken anregen und hoffentlich auch Antworten finden.

Oder was?