Zersiedlungspolitik

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, stößt bei einem Interview im SPIEGEL eine sachlich wohlbegründete Debatte über die volkswirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit von Einfamilienhaus-Neubauten an und begründet dies mit der vernünftigen Sorge um unser aller Lebensgrundlagen. Die ersten Reaktionen darauf, egal ob von Berufspolitikern oder manchen Leserbriefschreibern, sind eine polemische Mischung aus aggressiven, persönlichen Anfeindungen und abdriftenden Pseudo-Argumenten, auf einem Niveau, dass man glaubt, Donald Trump könnte seine Wiederwahl in Deutschland gewinnen. Ach ja – es ist Wahljahr.

Versuchen wir es doch mit sachlichen Fragen und Antworten:

  • Ist diese Debatte – unabhängig vom Klimaschutz – für den Bergmannkiez relevant?
  • Ist es ein Problem, wenn sich andere Leute lieber ein neues Haus mit Garten leisten?

Im Bergmannkiez ist es kaum möglich, auch nur ein einziges Einfamilienhaus zu bauen, aber darum geht es nicht. Vielmehr besteht großräumig ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Flächennutzung und Verkehr. Von der Art, wie wir geographische Räume, also die Erdoberfläche nutzen, hängt es unmittelbar ab, wieviel Verkehr wir verursachen. Die Siedlungsdichte, die Verortung von Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit etc.) und die Struktur von Zentren sind die grundlegende und maßgebliche Ursache für Verkehr. Einfamilienhaussiedlungen haben eine geringe Flächeneffizienz und verbrauchen mehr Bruttobauland pro Qudratmeter Wohnfläche, als die meisten anderen städtebaulichen Siedlungsformen. Die Wege werden länger, der Verkehr nimmt zu.

Darüber hinaus hängt es von den erforderlichen Wegen ab, welche Verkehrsmittel wir dafür überwiegend nutzen. Je dezentraler Siedlungsgebiete sind, desto schwieriger und unwirtschaftlicher ist der Einsatz ressourcenschonender Verkehrsmittel (DAS Argument gegen ÖPNV und Fahrrad).

Der Bergmannkiez befindet sich in einer Zone der historischen Stadterweiterungen aus dem 19. Jahrhundert und somit zwischen den Zentren, bzw. dem Siedlungsschwerpunkt Berlins (Berlin ist polyzentrisch) und peripheren Räumen, welche sich für neue Einfamilienhaussiedlungen eignen. Mehr MIV (Autoverkehr) zwischen Peripherie und Zentren, belastet besonders die Umwelt in Quartieren, wie dem Bergmannkiez.

Gleichzeitig werden mit zunehmender Expansion der bebauten Gebiete im sog. Speckgürtel die Wege aller Bewohner des Ballungsraumes länger, wenn sie ihre Freizeit in unzersiedelter Natur verbringen wollen.

Im Endeffekt entsteht nicht nur mehr Verkehr, sondern auch ein verstärktes Bedürfnis der Stadtbewohner, ebenfalls von den radialen Verkehrsachsen, deren Lärm und anderen Umweltbelastungen abzurücken. Die Suburbanisierung verstärkt sich. Eine fatale Rückkopplung!

Und noch ein Keyword für alle, die weiter recherchieren wollen:

15-Minuten-Stadt

Als Suchmaschine empfehlen wir ecosia.org aus Berlin.


Nachlese am 15.02.2020: Inzwischen hat auch der Tagesspiegel einen Faktencheck veröffentlicht und das Thema Verkehr anscheinend übersehen.

Die Parklets sind wieder da!

In der Testphase der Begegnungszone Bergmannstraße sorgten sie für die meisten Emotionen. Die teilweise möblierten und bepflanzten Inseln aus orangefarbenem Blech, welche anstelle der motorisierten und wenig genutzten privaten Blechteile am Fahrbahnrand aufgestellt wurden, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Jetzt sind zwei der Parklets wieder in der Bergmannstraße, diesmal im östlichen Abschnitt, vor der Ferdinand-Freiligrath-Schule.

Die Idee dahinter ist, den engen Schulhof zu entlasten, da wegen des Neubaus der Lina-Morgenstern-Gemeinschaftsschule an der Nostitzstraße hier vorübergehend zusätzliche Klassen untergebracht sind. Bürgermeisterin Monika Herrmann freut sich über „ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Straßenmöbel temporär eingesetzt und öffentliche Räume gerechter verteilt werden können“, so die Pressemitteilung des Bezirks. Vielleicht bauen auf den Parklets ja auch wieder „Unbekannte“ Cannabis an, wie im Sommer 2019.

Die Bergmannstraße ist zwischen Südstern und Marheinekeplatz schon seit mehr als zehn Jahren Fahrradstraße. Für die (wetterabhängig) geschätzen fünf- bis zehntausend täglichen RadfahrerInnen dürfte die Ausweitung der Pausenfläche der Schülerinnen und Schüler kein Problem sein. Man stelle sich einmal vor, dieser Verkehr würde mit dem Auto stattfinden. Würde man dann die Kinder in der Pause auf die Straße lassen?

Ist die Straße für Menschen, oder was?

Versuchsballon?

Jetzt erschien doch noch eine Pressemitteilung des Bezirksamtes, welche als Erklärung für die Absperrung in der Bergmannstraße, in knappen Worten konkretisiert, was sich bereits abzeichnete: Das landeseigene IT-Dienstleistungszentrum ITDZ lässt ein paar Datenkäbelchen neu verlegen. Dass die IT-Infrastruktur der öffentlichen Verwaltung ausbaufähig ist, ist uns schon länger klar und, dass man, wie angekündigt, für solch ein Tiefbauprojekt einen ganzen Monat sperren muss, glauben wir sehr gern.

Trifft sich gut!

Quer zur Zossener Straße verläuft bestimmt auch eine erneuerungsbedürftige Kabeltrasse.

Blaulicht

Freitagabend. In der frühen Dunkelheit flitzt ein blinkendes Blaulicht durch die Zossener Straße. Der Notarztwagen stoppt vor der neuen Absperrung in der Bergmannstraße, wendet ruckzuck und nimmt die Riemann. Die Lücke für den Radverkehr ist fast drei Meter breit, er hätte hindurch gepasst, aber die sofortige, sichere Entscheidung hatte Priorität. Drei Kurven und keine Minute später ist er am Ärztehaus in der Bergmannstraße. Viel Zeit, wenn es vielleicht um ein Menschenleben geht.

Macht dieser Blog jetzt Stimmung gegen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen?

Bestimmt nicht. Die Erkenntnis ist: Verkehrsinfrastruktur zu planen und Verkehr zu regeln ist kein Kinderspiel. So vieles will sorgfältig bedacht und abgewogen sein. Trotzdem ist es richtig, dass alle, die wollen, mitreden dürfen. Am Ende unterschreiben Leute, die viel Verantwortung tragen.

Die dritte Dekade

Während wir uns noch zum Neuen Jahr beglückwünschen, ist am gestrigen 8. Januar in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung ein Artikel erscheinen, der gleich um den Faktor 10 höher schaltet:

„Zehn Jahre, die entscheiden

Mit diesem Jahr beginnt auch die dritte Dekade des Jahrhunderts – jener Abschnitt, in dem die Weichen für eine bessere Welt gestellt werden müssen. Kann das gelingen?“

Gehört das hier her? So habe ich mich gefragt, als ich den Impuls verspürte, darauf Bezug zu nehmen. Die dörfliche Perspektive dieses Blogs ist bewusst gewählt; der Kiez ist das Thema. Und die Medien sind doch schon voll von diesem Allerweltsthema Klimaschutz, so wichtig es auch ist. Einerseits.

Andererseits passt es, jetzt, nach einer ersten Positionsbestimmung den Betrachtungswinkel vorübergehend noch weiter aufzuzoomen. Global denken … Noch jenseits der Themen mit teilweise existenzieller Dimension, welche die Menschen gerade bewegen, der Corona-Pandemie und der Krise der amerikanischen Demokratie, ist das Klima ohne Frage das mit Abstand bedeutendste. Es wird mit der begonnenen dritten Dekade immer und immer mehr zum Hintergrundbild des alltäglichen Geschehens werden.

Ausschlaggebend, diesen Artikel zu zitieren, war für mich am Ende, dass er mir auch in seiner journalistischen Machart einfach gefallen hat. Die nüchterne, aber hoffnungsvolle Zwischenbilanz, Fakten und Einschätzungen sprechen für sich. Es kommen Experten, zu denen man auch Autor Michael Bauchmüller selbst zählen darf, und die Bundesumweltministerin zu Wort. Welche Wucht die Entwicklung hat, die uns alle bald mit sich reißen wird, auch wenn wir in unserem gemeinsamen Boot kräftig rudern, sollte uns bewusst sein. Da bedarf es keiner grellen Effekthascherei, keiner Katastrophenszenarien und keiner emotionalen Appelle.

Kann gelingen, was gelingen muss? Wenn nicht, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, mit Blick auf das Ende der Dekade „dann ist es eine andere Welt“, die auf drei Grad Erderwärmung zusteuere. „Dann reden wir über Großunfälle im Erdsystem.“